Florian Hachenberger von Bosch Origify im Interview: Echtheitsprüfung ohne QR-Code, Chip und Etikett. Was die Produktoberfläche verrät
„Einfach machen“ ist für Florian Hachenberger kein Spruch, sondern die Voraussetzung dafür, dass aus einer Forschungsidee ein Unternehmen wird. Für unsere Gründerstories hat der kaufmännische Geschäftsführer von Bosch Origify unsere Fragen beantwortet und beschreibt dabei einen Weg, der sich von klassischen Startup-Geschichten unterscheidet. Seit der Hochschule arbeitet er an der Schnittstelle von kaufmännischen und technischen Themen, begleitete Origify erst aus einem Bosch-Innovationsprogramm heraus und übernahm Mitte 2024 die kaufmännische Führung der eigens gegründeten GmbH.
Im Interview spricht er offen über die Vor- und Nachteile des Konzernumfelds, über den Mut, den es braucht, um interne Freigabeprozesse zu überstehen, über das Marketing eines B2B-Startups zwischen LinkedIn, Messen und TikTok und darüber, warum ihn der Kampf gegen Produktfälschungen auch persönlich antreibt.

Elevator-Pitch als Einleitung für das Interview
Bitte erkläre den Lesenden der AFS-Akademie etwas über euer StartUp. Wer bist du? Was tust du? Wer ist eure Zielgruppe? Was sind deine Ziele? Was zeichnet euer StartUp aus?
Ich bin Florian Hachenberger, der kaufmännische Geschäftsführer der Bosch Secure Authentication GmbH, einem Corporate Startup der Bosch-Gruppe. Ich habe Origify bereits in einer frühen Phase als Leiter eines Bosch-Innovationsprogramms begleitet und das Projekt mit Mentoring und Sparring unterstützt, um die Idee in eine skalierbare Lösung zu überführen. Seit Mitte 2024 bin ich Teil des Managementteams und treibe Origify gemeinsam mit Oliver Steinbis, unserem technischen Geschäftsführer, voran. Mit Origify haben wir eine Komplettlösung entwickelt, bestehend aus Software, App, Hardware und Service, mit der sich Produkte eindeutig auf ihre Echtheit prüfen lassen – und das komplett ohne Etiketten, QR-Codes oder Chips. Unsere Zielgruppe ist vor allem im B2B-Bereich angesiedelt: Wir richten uns an die Luxusgüter- und Kunstbranche, den Hochsicherheitsdruck etwa für Pässe oder Banknoten, die Pharmaindustrie sowie die fertigende Industrie, etwa im Automotive-Sektor.
Unser übergeordnetes Ziel ist es, mit Origify jedes Produkt lückenlos rückverfolgbar und leicht authentifizierbar zu machen, um so Hersteller vor wirtschaftlichem Schaden und Verbraucher vor Sicherheitsrisiken zu schützen.
Hauptfragen zum Unternehmen & der Gründung
In den folgenden Fragen werfen wir einen detaillierten Blick auf die Gründungsgeschichte, die Entwicklung des Startups und die strategischen Entscheidungen dahinter.
Die Gründer berichten dabei offen über Herausforderungen, Erkenntnisse und Meilensteine ihres unternehmerischen Weges.
Vom Fraunhofer-Prototyp zur Smartphone-Marktreife: Wie Origify entstand
Origify basiert auf einer langjährigen Forschungspartnerschaft mit dem Fraunhofer IPM. Wie genau kam es zu dem Moment, als du und dein Mitgründer Oliver Steinbis das kommerzielle Potenzial dieser „Biometrie der Dinge“ für den Konsumgütermarkt erkannt habt?
Alles begann im Jahr 2018, als Oliver von einem Kollegen von einer Technologie des Fraunhofer Instituts hörte, die eine markierungsfreie Identifikation auf Basis von Fotos möglich machte. Die damalige Herausforderung bei Bosch war, dass ein kleines Sensorelement für die Produktion nachverfolgt werden musste, aber auf keinen Fall markiert werden durfte. Wir haben das System dann 2018 in einem Automotive Werk in Feuerbach getestet und eine Wiedererkennungsrate von 99,8 Prozent erreicht – unser Proof of Technology. Oliver hat sofort das enorme Potenzial erkannt, allerdings war der Algorithmus des Fraunhofer Instituts noch sehr stark auf den rein industriellen Kontext ausgelegt. Wir wussten, dass die Technologie für den breiten Markt smartphonefähig und viel robuster gegen äußere Einflüsse wie ungünstige Aufnahmewinkel werden musste. Diese Anforderungen haben wir in den letzten Jahren konsequent umgesetzt.
Agilität trifft Konzernpower: Das Beste aus zwei Welten bei Origify
Ihr agiert als Ausgründung der Robert Bosch GmbH (Bosch Secure Authentication GmbH). Wie viel „klassisches Startup-Gefühl“ und wie viel „Konzern-Sicherheit“ steckt im Alltag von Origify?
Das Startup-Gefühl ist im Alltag klar spürbar, allerdings innerhalb verlässlicher Leitplanken: Als sogenannte „Basic Rule Company“ können wir unsere Prozesse selbst definieren, sind nicht an alle Konzernregeln gebunden. Das macht uns in vielen Bereichen sehr agil und eigenständig. Gleichzeitig haben wir mit Bosch einen Partner im Rücken, der uns Stabilität, unschätzbare Erfahrung und einen enormen Vertrauensvorschuss im Markt bringt.
Warum klassischer Fälschungsschutz scheitert – und wie Origify Milliarden-Schäden verhindert
Ob Luxus-Sneaker, Dokumente oder Bauteile – Fälschungen boomen. Wie schätzt du den aktuellen Schaden für Markenunternehmen ein, und warum scheitern klassische Sicherheitsmerkmale wie QR-Codes oder Hologramme dort, wo Origify ansetzt?
Die Dimensionen sind gigantisch. Laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) sprechen wir beim weltweiten Handel mit gefälschten Produkten über ein Schadensvolumen von rund 464 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das sind 2,5 Prozent des gesamten Welthandels.
Das Problem bei klassischen Sicherheitsmerkmalen wie aufgeklebten Etiketten, QR-Codes oder Chips ist simpel: Was man aufdrucken oder aufkleben kann, lässt sich auch fälschen oder kopieren. Da wir für Origify ausschließlich die einzigartigen, physikalischen Merkmale der Produktoberfläche nutzen, bleibt das Produkt völlig unberührt.

Mehr als nur Software: Warum Origify auf schlüsselfertige Komplettlösungen setzt
Wie sieht das Geschäftsmodell hinter Origify aus? Verkauft ihr die Technologie primär als Software-as-a-Service (SaaS) pro Scan, oder wie sieht die Monetarisierung in der Praxis aus?
Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir uns um das gesamte Problem kümmern, und nicht nur eine Software verkaufen. Wir schauen uns die Situation beim Kunden genau an und liefern dann alles, was es für eine Lösung braucht: von individuell angepassten Kamerasystemen, Integration in Fertigungslinien, über die Bilderkennungssoftware bis zur Cloud-Infrastruktur. Hier sehen wir auch eine Differenzierung zum Wettbewerb. In der Regel erfolgt die Abrechnung als SaaS-Modell oder nutzungsbasiert.
Nahtlos statt störend: Wie Origify ohne Produktionsstopp integriert wird
Für den digitalen Fingerabdruck muss jedes Produkt während der Fertigung erfasst werden. Wie aufwendig ist die Integration des Origify-Kamerasystems in bestehende, oft hochgradig optimierte Produktionslinien der Kunden?
Der Aufwand ist sehr gut kalkulierbar, weil sich Origify der Produktion anpasst und nicht umgekehrt. Wir unterstützen verschiedene Wege: von der nahtlosen Einbindung direkt am Band über stationäre Terminals bis hin zur Registrierung per Smartphone. Wenn an der Produktionslinie ohnehin schon eine geeignete Kamera für die Qualitätskontrolle verbaut ist, kann Origify diese in der Regel direkt mitnutzen. Als Bosch-Tochter kennen wir großtechnische Fertigungsumgebungen sehr gut und haben unser System so gestaltet, dass es auch in der Großserienfertigung absolut zuverlässig funktioniert und die bestehenden Prozesse in keiner Weise ausbremst.
Mut schlägt Zögern: Die wichtigsten Führungs-Learnings aus dem ersten Jahr Origify
Ihr habt Origify unter anderem auf der CES in Las Vegas präsentiert und feiert nun das einjährige Bestehen der GmbH. Was waren rückblickend im ersten Jahr am Markt deine größten Learnings als kaufmännischer Geschäftsführer?
Mein größtes Learning war, dass man gerade mit einer neuen Technologie konsequent dranbleiben und gleichzeitig sehr genau zuhören muss – den Kunden, den Partnern und natürlich auch dem eigenen Team. Ein gutes Produkt allein reicht nicht. Es geht darum, den konkreten Mehrwert verständlich zu vermitteln, Vertrauen aufzubauen und bereit zu sein, aus jedem Gespräch dazuzulernen. Besonders die ersten Kunden und deren positives Feedback waren für uns wichtige Meilensteine und eine echte Bestätigung. Rückblickend würde ich sagen: Ruhig noch mutiger sein, noch entschlossener vorangehen und nicht zu lange zögern.
Persönliche Fragen an die Gründer
Technik trifft ROI: Wie Doppelspitze und Erfahrung den Origify-Erfolg sichern
Während die Technologie stark wissenschaftlich geprägt ist, leitest du die kaufmännischen Geschicke. Wie balancierst du dein tiefes technisches Verständnis von Origify mit dem harten Fokus auf Zahlen, ROI und Skalierung?
Ich habe das Glück, in meiner Karriere beide Welten gesehen zu haben. Seit der Hochschule arbeite ich an der Schnittstelle zwischen kaufmännischen und technischen Themen. Bei Origify profitieren wir zusätzlich von einer klaren Rollenverteilung. Oliver Steinbis verantwortet als technischer Geschäftsführer die Technologie, ich die kaufmännische Seite. Entscheidend ist der enge Austausch, damit technische Entwicklung, Kundennutzen und wirtschaftliche Ziele von Anfang an nahtlos ineinandergreifen. Wir ergänzen uns hier sowohl fachlich als auch persönlich sehr gut.

Mehr als nur Technik: Warum der Fälschungsschutz bei Origify Menschenleben rettet
Was motiviert dich morgens, aufzustehen und an Origify zu arbeiten? Ist es der Kampf gegen die weltweite Produktpiraterie oder die Faszination für das technologisch Machbare?
Mich motiviert die Kombination aus gesellschaftlicher Relevanz, technologischer Faszination und gelebter Innovation. Produktpiraterie betrifft längst nicht nur Luxusgüter – bei gefälschtem Milchpulver oder medizinischen Produkten können Menschenleben auf dem Spiel stehen. Wenn man das mit einer hochinnovativen Technologie in für uns teilweise komplett neuen Märkten und mit einem Team kombiniert, das jeden Tag mit viel Energie anpackt, dann wird einem nie langweilig.
Kommunikation, Familie und Prioritäten: Wie der Balanceakt im Gründeralltag gelingt
Ein neues Unternehmen aufzubauen verlangt 100 % Einsatz – gleichzeitig bist du in Konzernstrukturen eingebunden. Wie gelingt dir der Ausgleich zwischen dem stressigen Gründeralltag und dem Privatleben?
Das ist und bleibt ein ständiger Balanceakt. Mir helfen dabei im Wesentlichen drei Dinge. Erstens klare Regeln mit der Familie und den Kollegen – man muss sehr transparent kommunizieren, was wann geht und was nicht. Zweitens ein enormer Support durch meine Familie, was gerade mit kleinen Kindern unverzichtbar ist. Und drittens eine klare Priorisierung in Kombination mit einem starken Team, das auch funktioniert, wenn ich mal nicht da bin.
Shareholder-Management im Konzern: Warum Politik für Corporate-Gründer dazugehört
Welchen entscheidenden Rat würdest du Angestellten in großen Konzernen geben, die eine bahnbrechende Idee, aber Angst vor den internen "politischen Realitäten" und Freigabeprozessen haben?
Sucht früh den Kontakt zu Innovationsbereichen und dem Top-Management, um den richtigen „Playground“ zu definieren. Die richtige Umgebung ist maßgeblich für den Erfolg innerhalb des Konzerns. Sonst wird man von Erwartungshaltungen, Prozessen und interner Politik erschlagen. Ein „richtiger“ Gründer verbringt viel Zeit mit dem Shareholder-Management bei seinen Investoren. Genau diese Zeit muss man im Konzern auch investieren – nur eben auf einer anderen Bühne.
Schnellfragen zur Gründerpersönlichkeit
Bist du eher der Typ „Einfach machen und später um Entschuldigung bitten“ als „Erst monatelang um Erlaubnis fragen“?
Ganz klar: Einfach machen. Dieses Mindset braucht man beim Aufbau eines neuen Unternehmens. Lieber pragmatisch starten und aus der Umsetzung lernen. Denn nur mit Fehlern lernt und wächst man wirklich.
Bereust du es an manchen Tagen, nicht ein komplett freies Startup ohne Konzernmutter gegründet zu haben?
Natürlich bringt das Konzernumfeld gewisse Einschränkungen mit sich, gleichzeitig bietet es aber viele Möglichkeiten, die ein unabhängiges Startup nicht hätte. Insgesamt bin ich sehr zufrieden damit, Origify in diesem Umfeld weiterzuentwickeln.
Liest du Business-Bücher eher zur Entspannung als zur Weiterbildung?
Das ändert sich je nach Lebensphase. Vor ein paar Jahren habe ich wirklich sehr viele Fachbücher gelesen, alle paar Tage eins, fast 100 pro Jahr. Das war Entspannung und Weiterbildung in einem. Mit zwei Kindern muss ich mir meine zur Verfügung stehende Zeit besser einteilen. Deshalb lese ich inzwischen sehr zielgerichtet, wenn ich mich in einem Thema weiterbilden möchte.
Kannst du am Wochenende das Smartphone auch mal für 24 Stunden komplett ausschalten?
Meine Frau würde hier mit einem entschiedenen NEIN antworten.
Warst du schon als Kind jemand, der Dinge unbedingt auf ihre Echtheit prüfen oder genau hinterfragen musste?
Ich war schon immer neugierig und habe alles Mögliche hinterfragt. Sehr zum Leidwesen von Eltern und Lehrern. Dinge physisch auf ihre Echtheit zu überprüfen, kam tatsächlich erst mit Origify.
Schnellfragen zum Online Marketing und SEO
Ist LinkedIn für euch aktuell der wichtigste Marketingkanal überhaupt?
Es ist nicht der wichtigste, aber ein sehr relevanter Kanal. LinkedIn ermöglicht uns, in der Business-Welt organisch Sichtbarkeit aufzubauen. Wir sprechen dort nicht nur über unser Produkt, sondern auch über das Unternehmen und die Menschen dahinter. Das schafft Transparenz und Vertrauen.
Glaubst du, dass klassische Messeauftritte im B2B-Bereich langfristig komplett durch digitales Performance-Marketing ersetzt werden?
Nein, davon gehe ich nicht aus. Gerade im B2B-Bereich bleibt der persönliche Austausch entscheidend, denn Menschen kaufen von Menschen. Digitale Formate ergänzen sinnvoll, werden die direkte Interaktion aber nicht vollständig ersetzen.
Schaust du persönlich mindestens einmal pro Woche in eure Google-Analytics- oder SEO-Dashboards?
Ja, wir schauen regelmäßig auf unsere KPIs und analysieren die Entwicklung. Nur so können wir schnell reagieren, Maßnahmen anpassen und fundierte Entscheidungen treffen.
Ist es im B2B-Bereich schwerer, guten Content zu produzieren als im B2C-Bereich?
Nicht schwerer, sondern anders – und vielleicht manchmal weniger „fancy“. Auch im B2B-Bereich kann man kreativ sein und neue Formate ausprobieren. Deshalb starten wir im Sommer beispielsweise mit TikTok und erzählen dort unter anderem spannende Geschichten rund um Produktfälschungen.
Bosch Origify: B2B-Innovation mit starkem Rückhalt
Wir bedanken uns herzlich bei Florian Hachenberger für die Zeit und die konkreten Einblicke. Für Marketing-Verantwortliche ist dieses Interview auch aus einem zweiten Grund lesenswert: Origify verkauft keine erklärungsarme Ware, sondern eine neue Kategorie, und genau dort entscheidet Kommunikation über das Tempo. Dass ein B2B-Startup aus dem Bosch-Umfeld LinkedIn für Sichtbarkeit nutzt, Messen weiterhin für unverzichtbar hält und zusätzlich mit TikTok experimentiert, zeigt, wie breit die Kanalfrage inzwischen gedacht werden muss, wenn man ein komplexes Produkt verständlich machen will.

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