Gründerstory embassidy: Von der GIZ-Botschafterin in Namibia zur Brückenbauerin zwischen Europa und Afrika
Anfang 2021 kam Meike Neitz als Digital Ambassador der GIZ nach Namibia, um beim Aufbau des lokalen Startup-Ökosystems zu helfen. Was sie dort erlebte, ließ sie nicht mehr los. Als sie zurück nach Deutschland kam und bei der Germany Trade & Invest anfing, vermisste sie den afrikanischen Kontext so stark, dass sie ihren Vertrag nach eineinhalb Jahren auslaufen ließ und embassidy gründete – eine transkontinentale Organisation, die Startups, Investoren und Unternehmen zwischen Europa und Afrika vernetzt. Für unsere Gründerstory hat Meike unsere Fragen beantwortet und spricht offen über die Missverständnisse europäischer Investoren, über ihren lean und vollständig organischen Ansatz und darüber, was „I’m so happy to be here“ als erster Gedanke am Morgen über eine Gründerin verrät.

Hauptfragen zum Unternehmen & der Gründung
In den folgenden Fragen werfen wir einen detaillierten Blick auf die Gründungsgeschichte, die Entwicklung des Startups und die strategischen Entscheidungen dahinter.
Die Gründer berichten dabei offen über Herausforderungen, Erkenntnisse und Meilensteine ihres unternehmerischen Weges.
Der Schlüsselmoment für eine Brücke zwischen Europa und Afrika
Meike, du hast embassidy als „transkontinentale Entrepreneurship Support Organisation“ gegründet. Was war der konkrete Schlüsselmoment in deiner Zeit in Namibia, der dir gezeigt hat, dass es genau diese Institution zwischen Europa und Afrika braucht?
Es zeigte sich durch die gesamte Zeit, die ich in Namibia verbrachte – ich wurde von der GIZ als “Digital Ambassador” Anfang 2021 dorthin versandt, um mitzuhelfen, das lokale Startup Ökosystem aufzubauen. Schnell wurde klar, dass die deutsche Entwicklungshilfe eine überproportional gewichtige Rolle im Land hat, dass jedoch im Bereich Wirtschaftsbeziehungen noch viel Platz nach oben ist. Ähnliches konnte ich in Ost- und Westafrika beobachten – Unternehmen aus anderen europäischen Ländern sind dort viel aktiver. Der Schlüsselmoment war jedoch, als ich zurück nach Deutschland kam und bei der Germany Trade & Invest anfing. Hier stellte ich zunächst einmal für mich selbst fest, wie sehr ich das Arbeiten im afrikanischen Kontext vermisste. Zweitens, dass gerade im Startup Bereich in Richtung afrikanischer Kontinent noch sehr wenig geht und dies ausbaufähig ist. Also ließ ich nach knapp 1,5 Jahren bei der GTAI meinen Vertrag auslaufen und baute embassidy auf!
Häufige Missverständnisse über Afrikas Startup-Ökosystem
Die Startup-Szenen in afrikanischen Märkten wie Namibia oder Kenia funktionieren fundamental anders als in Berlin oder Köln. Was ist das größte Missverständnis, das deutsche Investoren oder Corporates gegenüber dem afrikanischen Tech-Ökosystem haben?
Viele sind skeptisch, weil das Bild eines afrikanischen Kontinents, der von Hunger, Dürren und Kriegen bestimmt ist, überwiegt. Sie sehen also hauptsächlich das Risiko, das man ja im Startup Bereich sowieso schon hat, und das dann mal drei. Zudem fehlt vielen die Expertise auf dem afrikanischen Kontinent und sind nicht unbedingt bereit, diese aufzubauen. Dabei passieren da gerade so viele spannende Dinge – der erste Schritt lohnt sich!
Warum Storytelling über den Erfolg von Innovationen entscheidet
Du bist Expertin für Storytelling. Warum scheitern deiner Meinung nach viele brillante technische Innovationen genau an der Kommunikation, und wie hilft embassidy dabei, die „Hero’s Journey“ eines Startups zu finden?
Vielen Gründern, insbesondere den Techies, fällt es oft schwer, ihre Lösung in ganz einfacher aber präziser Sprache und dabei anschaulich rüberzubringen – statt dessen sind sie so begeistert von den technischen Details, dass sie diese am liebsten allen in Tiefe erklären wollen. Sehr verständlich, aber gerade beim Pitchen nicht nötig und auch nicht zielführend.
Mit Storytelling zu arbeiten hilft da sehr! Wichtig ist: Klar haben die Gründer:innen in vielen Fällen eine “Heroe’s / Heroines Journey” hinter sich. Doch viel essentieller ist herauszukristallisieren: Welche Heroe’s Journey erlebt der Kunde/die Kundin, welche meine Lösung nutzt? Das ist die wahre Heldenreise, die es zu erzählen gilt. Dies kriegen wir mit unterschiedlichen Tools und Hilfestellungen hin!
Warum nachhaltiges Wachstum das stärkere Modell ist
Du wirst oft mit nachhaltigem Wachstum statt dem klassischen „Einhorn-Hype“ assoziiert. Warum ist das Zebra-Modell (Profit + Purpose) gerade für die Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika das stabilere Fundament?
Viele afrikanische Gründer kennen das mit VC Geld vollgepumpte Blitz-Scaling Modell gar nicht. Während wir hier beim Unternehmensaufbau vieles “for granted” sehen (Fehlt was im Büro? Bestellen wir das kurz bei Amazon, ist morgen da), ist auf dem afrikanischen Kontinent vieles einfach noch knapper beziehungsweise schwieriger zu beschaffen – egal ob Kapital, Bürobedarf, vertrauensvolle Händler, Machinery…. Afrikanische Gründer ziehen ihr Unternehmen von Anfang an resilienter auf – oft in McGyver mäßiger Manier… Was nicht sofort passt, wird irgendwie passend gemacht. Sie müssen auf der Basis früher Umsätze aufbauen – weil sie müssen, denn sie haben keine eigenen Rücklagen.
So wachsen sie oft langsamer, dafür überstehen sie aber auch externe Schocks besser, da sie ein solides Fundament geschaffen haben und nicht lediglich auf die nächste Finanzierungsrunde hinarbeiten. Die Businessmodelle selbst sind oft noch “Basic Needs” orientiert – Zugang zu Wasser, bessere Systeme für die Landwirtschaft, digitale Angebote für Bildung, etc. Hier ist nichts “nice to have”, sondern vieles lebensnotwendig. Für europäische Unternehmen bedeutet das, dass auch sie viel mehr an der Substanz arbeiten können – Geld verdienen und dabei einen wirklichen Unterschied machen.
Effiziente Zusammenarbeit über Kontinente hinweg
embassidy arbeitet sehr lean und ortsunabhängig. Wie koordinierst du die Zusammenarbeit mit Partnern auf zwei Kontinenten, ohne dich in administrativen Prozessen zu verlieren?
In der heutigen Zeit ist das mit den digitalen Tools, die wir haben, zum Glück kein Problem. Wöchentliche Calls, gemeinsame Arbeit auf shared workspaces viel Koordination über whatsapp (wichtigster Kanal auf dem afrikanischen Kontinent!) und zwischendurch Email Updates. Das passt super! Schade ist nur, dass ich wirklich tolle Kollegen und Partner aufgrund der Distanz so selten persönlich sehe…. Da wünsche ich mir oft sehr,in der gleichen Stadt zu sein!

Zwischen Netzwerk, Entwicklungshilfe und Unternehmertum
Deine Vergangenheit als Digital Ambassador der GIZ hat dich geprägt. Inwieweit profitiert embassidy heute noch von diesem Netzwerk? Wo ziehst du die Grenze zwischen Entwicklungshilfe und echtem Business?
Ich habe gerade wieder sechs Wochen in Namibia verbracht und habe erneut gemerkt, dass dieses Netzwerk wirklich alles ist. Ich profitiere davon sehr stark, denn gerade in einem kleinen Land (was die Bevölkerungszahl angeht), kennt man sich und die Wege sind kurz – da steht man schonmal mit Ministern oder Presidential Advisern per whatsapp in Kontakt.
Die klassische Entwicklungshilfe sehe ich inzwischen sehr kritisch – klar, sie hatte immer gute Intentionen, letztlich muss man jedoch sagen: Sie hat viel Geld verbraten und wenig erreicht. Sie hat auch zu einer Haltung gegenüber der “armen afrikanischen Länder” geführt, die ich schwierig finde.
Meines Erachtens nach ist daher Unternehmertum zu fördern, der einzig effektive Weg – dies hat auch die Entwicklungshilfe verstanden und engagiert sich nun zunehmend in diesem Bereich. Wie gut die Programme sind, darüber lässt sich streiten, aber wir werden ja die deutsche Entwicklungshilfe nicht wie Trump über Nacht abstellen – daher ist es ein Schritt in die richtige Richtung.
Chancen und Herausforderungen für Gründerinnen im Vergleich
Du setzt dich stark für Diversität ein. Siehst du bei Gründerinnen in Afrika andere Barrieren oder vielleicht sogar größere Chancen im Vergleich zu Gründerinnen in Deutschland?
Leider sieht die Situation in Bezug auf Gründerinnen auf dem afrikanischen Kontinent auch nicht besser aus – 17%, ähnlich wie in Deutschland – dabei zeigt sich zum Beispiel bei Mikrokrediten, dass diese die oft besseren Unternehmerinnen sind! In Namibia ist toll, dass es dort sehr starke Vorbilder in Politik und Konzernen gibt – viele richtig tolle, energiegeladene Frauen (zudem seit Kurzem auch die erste Präsidentin!), die den Fortschritt mitgestalten. Nun gilt es weiter strukturelle Hürden und Barrieren abzubauen – von den nächsten Generationen erhoffe ich mir viel!
Eine Vision für Afrikas Rolle im globalen Austausch
Wenn du fünf Jahre vorausblickst: Welche Rolle soll embassidy im transkontinentalen Handel und Wissensaustausch idealerweise eingenommen haben?
Wisst ihr, die Rolle von embassidy ist mir gar nicht so wichtig. Toll wäre, wenn der afrikanische Kontinent den Platz im globalen Handel und Wissensaustausch finden würde, den er verdient hat. Und das meine ich gar nicht nur in Richtung “unserer” europäischen Haltung gegenüber dem afrikanischen Kontinent sondern auch dass bis dahin, allein in fünf Jahren, viele afrikanische Länder aus ganz eigener Kraft erhebliche strukturelle und systemische Herausforderungen (interkontinentale Handels-Hemmnisse, Anbindung an internationale Zahlungsströme, Korruption etc) überwinden könnten – wenn der politische Wille da wäre.
Fragen zu SEO/Online Marketing & Tools
Wie stark Personal Branding den Erfolg von embassidy treibt
Du bist als Person extrem präsent (LinkedIn, Moderationen). Wie viel Prozent eurer Leads kommen über deine persönliche Marke im Vergleich zur organischen Suche über die Website?
Bei mir kommt tatsächlich 95% über meine Personenmarke, also über LinkedIn oder Empfehlungen- meines Erachtens ist Personal Branding das unterschätzeste Marketing Tool!
Content Marketing als Instrument für Storytelling und Sichtbarkeit
„Storytelling“ ist euer Kernthema. Wie nutzt ihr Content Marketing (Blog, LinkedIn-Artikel), um komplexe Themen wie „transkontinentale Synergien“ für Suchmaschinen und Nutzer gleichermaßen attraktiv zu machen?
Um ganz ehrlich zu sein, ich habe leider kaum Zeit um wirklich strategisches Content Marketing zu betreiben – ich schreibe hier und da mal einen Artikel für beispielsweise EU Startups oder lokale afrikanische Medien und mache ansonsten nur meine Linkedin Posts.
Unverzichtbare digitale Tools für grenzüberschreitende Zusammenarbeit
Welche digitalen Tools sind für euren täglichen Betrieb über Kontinente hinweg unverzichtbar – sowohl für die interne Organisation als auch für das Marketing?
Canva, whatsapp business (größter Game-Changer für mich persönlich, das zu trennen!), Projekttools wie Notion oder Trello. Da ich mit embassidy oft mit größeren Consulting-Unternehmen zusammen arbeite, werde ich oft an ihre Tools angedockt und nutze unterschiedliche, je nach Projekt!

Globale Webstrategie statt regionaler Anpassung
Optimiert ihr eure Webpräsenz gezielt für verschiedene Regionen (z. B. DACH-Region vs. Englischsprachiges Afrika), oder setzt ihr auf eine rein globale englischsprachige Strategie?
Letzteres, da bei mir über Web so wenig reinkommt ist es eher ein Validierungstool als Lead-Gen. Also die Kunden versichern sich über die Seite, dass ich “legit” bin und was ich schon so gemacht habe und das ist es.
Vollständig organisches Wachstum statt bezahlter Werbung
Nutzt ihr bezahlte Kanäle wie LinkedIn Ads, um eure Workshops und Keynotes zu bewerben, oder setzt ihr voll auf organisches Wachstum und Empfehlungen?
Alles organic here :))
Persönliche Fragen an die Gründer
Balance und mentale Gesundheit bei transkontinentalem Arbeiten
Du pendelst zwischen Köln und Windhoek. Wie schaffst du es, bei ständigen Ortswechseln und Zeitzonen-Herausforderungen deine eigene mentale Gesundheit und Produktivität zu schützen?
Pendeln ist zu viel gesagt bei der Strecke 😉 Meine Tochter und ich verbringen Mitte Januar bis Anfang März in Windhoek und ich habe pro Jahr meist noch ein oder zwei geschäftliche Reisen nach Afrika. Das zusammen mit den Reisen für meine Moderationen ist dann schon echt viel. Ich habe gerade im letzten Jahr, als ich mir eigentlich zu viel aufgeladen hatte, aufpassen, dass es nicht kippt. Sport ist mir dabei sehr wichtig, Meditation und vor allem Qualitätszeit mit meiner Tochter- wir spielen viel, gehen gern in die Natur oder machen kreative oder kulturelle Sachen. Das ist die perfekte Ablenkung.
Rückschläge und Erkenntnisse, die embassidy geprägt haben
Welcher vermeintliche Rückschlag in deiner bisherigen Karriere hat sich im Nachhinein als wichtigste Lektion für den Aufbau von embassidy herausgestellt?
Das erste war zwar kein Rückschlag, aber eine wichtige Erkenntnis: Nachdem ich Namibia verlassen habe, ist auch das GIZ-finanzierte Startup Namibia Projekt zu Ende gegangen, in dem ich angesiedelt war. Wir dachten, dass damit viel des Momentums in der Startup Szene, das wir aufgebaut hatten, sich abflachen würde – aber dies war nicht der Fall. Lokale Player haben die Arbeit aufgenommen, auf viel nachhaltige Beine gestellt und weiter voran gebracht. Das war toll zu sehen und hat mich mit embassidy sehr bestärkt, meinen eigenen Beitrag zu leisten. Zweitens habe ich gegen Ende meiner Festanstellung stark gemerkt, dass ich vor allem bei administrativen Themen (Beispiel Homeoffice-Regelung bei Alleinerziehenden) aneckte. Dies hat mich bestärkt, dass es für mich besser ist, die volle Flexibilität zu haben und dafür die finanzielle Unsicherheit in Kauf zu nehmen.
Empfehlenswerte Lektüre für Gründer mit globalem Blick
Welches Buch (außer deinem eigenen) sollte jeder Gründer gelesen haben, der über den Tellerrand des europäischen Marktes hinausblicken möchte?
“Africa is not a country” von Dipo Faloyin ist ein super Start!
Für internationale Expansion insgesamt, jedoch außerhalb des afrikanischen Kontinents (der kommt in dem Buch leider sehr wenig vor) kann ich noch “The Culture Map” von Erin Meyer empfehlen.
Morgendliche Gedanken zwischen Namibia und Deutschland
Was ist das Erste, woran du morgens denkst, wenn du in Namibia aufwachst, und wie unterscheidet sich das von deinen Gedanken in Deutschland?
“I’m so happy to be here!” …

Schnellfragen zur Gründerpersönlichkeit
Bist du eher ein Bauchmensch bei wichtigen Entscheidungen?
Ja, immer mehr Bauch.
Trinkst du mehr als drei Tassen Kaffee am Tag, um das Pensum zu schaffen?
Nein maximal zwei, wenn ich Lust auf eine dritte habe, steige ich auf Decaf um ;-)
Warst du schon als Kind diejenige, die die Gruppe angeführt hat?
Ich war ehrgeizig und abenteuerlustig, aber tatsächlich keine klassische Anführerin.
Könntest du dir vorstellen, jemals wieder in einem klassischen Angestelltenverhältnis zu arbeiten?
Außer ich bekomme wieder so eine komplett grüne Wiese wie damals bei meiner Zeit als Digitale Botschafterin kann ich es mir tatsächlich nicht vorstellen…
Ist „Einfach mal machen“ wichtiger als ein perfekter 50-seitiger Businessplan?
100%. Hatte nie einen Plan, hat auch so geklappt!
Schnellfragen zum Online Marketing und SEO
Ist LinkedIn für embassidy wichtiger als die eigene Website?
Ja!
Glaubst du, dass KI-Tools wie ChatGPT das Storytelling in Zukunft komplett übernehmen können?
Nein, ich glaube, die menschliche Komponente wird immer gebraucht werden.
Checkst du täglich deine Website-Zugriffszahlen?
Nein.
Ist Video-Content für euch wichtiger als geschriebener Text?
Nein.
Legst du bei deinen Blogposts mehr Wert auf Keywords als auf die Sprachästhetik?
Nein.
embassidy: Inspiration für grenzüberschreitendes Unternehmertum
Für alle, die grenzüberschreitend gründen oder Märkte jenseits des DACH-Raums erschließen wollen, steckt in diesem Interview mehr als eine Leseempfehlung. Meikes Einblick in die Funktionsweise afrikanischer Startup-Ökosysteme, in kulturelle Unterschiede beim Pitchen und in die Stärken des Zebra-Modells ist praxisnah und ungeschönt. Dazu kommt ein klares Plädoyer für Einfach-mal-machen als Gründungsprinzip. Wer auf den afrikanischen Kontinent schaut und immer noch hauptsächlich Risiko sieht, sollte dieses Interview zweimal lesen.
Wir bedanken uns herzlich bei Meike Neitz für die Zeit und die Bereitschaft, so offen zu sprechen.

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