Im Spannungsfeld zwischen Identität und Disruption – Wie KI Programmierung die Menschen in der Softwarebranche verändert
Eigentlich sollte es in diesem Beitrag um einen speziellen Teil meines Unternehmens gehen. Seit nunmehr zwei Jahren betreibe ich mit Hilfe von KI über 300 Branchen-Portale, basierend auf einem von mir selbst programmierten KI-CMS-System. Der ursprüngliche Beitrag sollte sich mit deren Vermarktung durch Affiliate-Marketing und den Chancen einer sich wandelnden Marketinglandschaft beschäftigen. Doch wie das Leben so spielt, schreibe ich in diesem Artikel über ein Thema, das mich persönlich, aber auch hunderttausende Menschen weltweit betrifft – und über das noch kaum jemand spricht. Was macht die KI-Revolution mit uns als Softwareentwicklerinnen und Softwareentwicklern auf der emotionalen und menschlichen Ebene?
Drei Lager in der Softwarebranche. Ignorieren, durchkämpfen, blockieren
Gefühlt gibt es im Augenblick drei Lager in der Softwarebranche. Da sind zum einen die Entwicklerinnen und Entwickler, die weder die Zeit noch die Lust verspüren, sich mit KI-Programmierung auseinanderzusetzen. Ja, auch die gibt es – und davon habe ich während einiger Bewerbungsgespräche für eine Stelle in meinem Unternehmen einige kennengelernt. Diese Menschen sehen Programmierung als Job und wollen, so scheint es mir, außerhalb der Arbeitszeit nur das Nötigste damit zu tun haben. Wenn der Chef nicht mit KI kommt, ist das Thema auch nicht präsent. Dann gibt es das zweite Lager – jene, die das Thema angefixt hat, die nicht mehr loslassen können (so wie ich) und sich seit Monaten durchkämpfen, um diese neue Art der Entwicklung zu meistern.
Mit dem dritten Lager hatte ich in den letzten Tagen auf LinkedIn zu tun, und sie waren die Hauptmotivation für diesen Beitrag. Es sind die „Experten“, ich würde sogar sagen: die „Genies“ unserer Branche. Ich selber zählte mich nie wirklich zu den Top-Entwicklern. Ich sah mich trotz jahrelanger Erfahrung und tausender Projekte immer im Mittelfeld. Es fiel mir immer schwer, mich auf neue Technologien mit hoher Komplexität einzulassen. Nicht jedoch diese Männer und Frauen – das sind die Top-Entwicklerinnen und -Entwickler in Agenturen und Tech-Konzernen, auf denen im Grunde ganze Unternehmen aufbauen und auf die sich Teams jederzeit verlassen können. Der Volksmund würde sie Nerds nennen.

Es geht nicht um Jobs. Es geht um Identität, Flow und das Selbstbild von Entwicklern
Diese Menschen haben offenbar ein massives Problem, diese neue Technologie anzunehmen. Oberflächlich könnte man meinen, es sei eine existenzielle Frage rund um Geld und Arbeitsplatz. Doch obwohl das im Grunde die realste aller Ängste in diesem Kontext sein sollte, geht es im Kern um etwas anderes: um Identität.
Wer selbst bereits als Softwareentwickler im Flow war und gespürt hat, wie es sich anfühlt, mehrere Tage eine Software zu entwickeln, tausende Zeilen Code im Kopf zu behalten, Architektur zu entwerfen und etwas mit den eigenen Gedanken zu erschaffen, kennt dieses erhabene Gefühl.
Seit ich denken kann, war die Fähigkeit, solche imaginären Wunder zu vollbringen, etwas, das nur wenigen Menschen möglich war. Viele Entwicklerinnen und Entwickler sehen sich als Teil einer intellektuellen Elite – und zweifellos gehören sie dazu. Mir selbst wurde mein ganzes Leben lang eine gewisse Bewunderung für meine Fähigkeiten entgegengebracht. Ich persönlich habe Softwareentwicklung immer mit einer Analogie zur Kunst beschrieben: dem Schaffen eines Gemäldes. Der Rahmen – das Framework. Die Farbe – der Code. Die Schöpfung – die Fähigkeit, komplexe Dinge zu strukturieren und in klare Logik zu gießen.
KI-Programmierung skaliert Können. Warum klassische Coder auslaufen und was jetzt zählt
Was passiert nun mit Menschen, die eine solche Gabe perfektioniert haben und sich als Teil von etwas Besonderem sehen, wenn KI-Systeme binnen Sekunden die gleichen Aufgaben lösen, die gleichen logischen Schlüsse ziehen, die gleichen Ergebnisse schaffen – und vielleicht für manche noch schlimmer: nun jedem Menschen mit einem Computer und Internetzugang ähnliche Fähigkeiten verleihen?
Natürlich sind wir noch nicht an diesem Punkt. Gute Software mit KI zu entwickeln erfordert weiterhin Wissen, das über das eines Otto-Normal-Verbrauchers hinausgeht. Komplexe Software benötigt noch immer das Denken eines erfahrenen Softwarearchitekten. Zur Wahrheit gehört aber auch: Auch diese Funktion kann mittlerweile ein KI-Agent übernehmen, wenn man versteht, wie man mit ihm richtig arbeitet. Die Zeit der klassischen Coder geht zu Ende. Als ich meine Ausbildung als Fachinformatiker vor über 20 Jahren begann, gab es noch Entwickler für AS400- und Greenscreen-Terminalsysteme. Über Jahre hinweg waren diese Experten gefragt und wichtig – wenige Jahre später nicht mehr.
Bevor wir über die inhaltlichen Vorteile und Nachteile von KI-Systemen wirklich neutral sprechen können, müssen wir als Softwareentwicklerinnen und Softwareentwickler den inneren Dialog suchen und uns mit unserer Identität und unseren Fähigkeiten auseinandersetzen. Ich glaube nämlich: Eine gute Entwicklerin oder ein guter Entwickler wird in Zukunft ein überragender KI-Entwickler sein. Der Vorteil, den ich sehe: Ein mittelmäßiger Softwareentwickler kann zu einem guten Entwickler werden.

Ich sehe die Vorteile und Chancen – und freue mich deshalb, auf meinem YouTube-Kanal https://www.youtube.com/@Promptgeflüster kostenlos mein Know-how zu teilen und künftig nicht nur über Technik, sondern auch über den menschlichen Aspekt der Softwareentwicklung zu sprechen.
Vielen Menschen in vielen Branchen geht es gerade mit Sicherheit ganz genauso. Was ist deine Meinung? Wie geht es dir dabei?